Ein selbstbestimmtes und freudiges Leben setzt vor allem eine gute Beziehung zu sich selbst voraus. Ist dieses Selbstgefühl getragen von gesundem Ich-Empfinden und einem ganz natürlichen "Einverstanden-sein" mit sich selbst, so kann daraus all das entstehen, was für ein zufriedenstellendes und glückliches Leben notwendig ist: Lebensbejahung, Mut, aber auch Belastbarkeit, Realitätssinn, Empathie und die Fähigkeit sich abzugrenzen, auszudrücken und lebendige Beziehungen einzugehen.

Leider ist es jedoch oft so, dass sich dieses gute Selbstgefühl nicht einstellen mag oder phasenweise verloren geht. Dann fühlt sich der Mensch eher entfremdet von sich selbst oder mutlos, zweifelnd, gestresst, unter innerem Druck stehend oder unter somatischen Krankheitssymptomen leidend. Kurz gesagt, er fühlt sich nicht glücklich, leidet eher an sich und dem Leben und ahnt und wünscht doch, dass es anders sein könnte.

In dieser Phase oder Krisenzeit macht es Sinn, einmal inne zuhalten und den Blick über die momentane Situation hinaus, auf die eigene Biographie zu richten und sich die Frage zu stellen: "was passiert hier gerade und was kann ich tun?!"  Oft reinszenieren wir unbewußt unverarbeitete Erfahrungen oder sind allzusehr mit der Kompensation dieser Erfahrungen beschäftigt, um das Leben so zu leben wie wir es uns wünschen.

Um sich und die gegenwärtige Situation besser zu verstehen, ist es notwendig, die Perspektive des Kindes einzunehmen und den allzu vernünftigen und erklärenden Ton der Erwachsenen - perspektive zu verlassen. Als Kind waren Sie hilflos, unschuldig und abhängig von Ihren engsten Beziehungsmenschen. Daher konnten Sie nicht anders - egal welcher Art die seelischen Erschütterungen waren - Sie mußten sich anpassen, um weiter wachsen und leben und nächste Entwicklungsschritte tun zu können. Wenn aber das Ausmaß der Anpassung das Kind überfordert, beginnt genau hier die Entfremdung des KIndes von sich selbst: es nimmt sich so zurück, dass es lebenswichtige Impulse und ein gutes Selbstwertgefühl nicht entwickeln kann. Im Erwachsenenleben kann es dann besser für andere sorgen als für sich, weiß nicht, sich abzugrenzen, überfordert sich weiter und weiter in der Hoffnung, endlich die Anerkennung zu finden, die es vor langer Zeit so gebraucht hätte. In jeder neuen Beziehung hoffte es, dass die alte Lücke endlich gefüllt wird, kann aber kaum die Nähe zu dem geliebten Menschen aushalten, da vor langer Zeit Nähe immer bedrohlich war und es nie erfahren konnte, was es heißt zu vertrauen. Es fällt ihm schwer, ein gutes Gefühl für die Würde und Grenze anderer Menschen zu empfinden, da in seiner Kindheit genau diese Gefühle niemand für es hatte.

 

In einem therapeutischen Prozess geht es im Wesentlichen immer um die Hinführung zur eigenen Empfindung für sich selbst und eben zur Entwicklung eines gesunden Ich-Empfindens. Wie auch immer sich Ihr Problem äußert, im Grunde gründen alle Krisen in dem Gefühl der Entfremdung von sich selbst und dem Verlust einer eigenen Identität. All die ungesunden Anpassungen, Zurückhaltungen, Resignationen und Unterdrückungen der Kindheit haben ihre Spuren hinterlassen und bestimmen unser Verhalten oft mehr als uns lieb ist. Hier ist das energetische Feld auf dem viele Störungen und gesundheitliche Belastungen entstehen.

Wer wir im Tiefsten sind, bleibt oft ein Leben lang unser Geheimnis, tief sitzt die Angst, zu sein wer wir sind. Doch dieses "Selbst", unser innerster Wesenskern, sucht, wenn auch tief verschüttet, immer noch nach Ausdruck, Vollendung und Erfüllung. Die Sehnsucht sein eigenes Leben zu leben, geht nur selten verloren. Sie macht den Kummer aus, den wir in Krisenzeiten spüren, sie verleiht uns aber auch den Mut, auf die Reise zu gehen. Als solche kann man einen therapeutischen Prozess bezeichen, unabhängig von seiner Dauer. In einer vertrauensvollen Beziehung zur Therapeutin, basierend auf Empathie und Respekt, können nicht stattgefundene Entwicklungsschritte bis zu einem gewissen Maße nachgeholt, Verletzungen integriert und neue Erfahrungen und Fähigkeiten entwickelt und etabliert werden.

So kann das Neue und Werdende mehr aus innerer Freiheit entstehen, anstatt immer wieder - wenn auch unbewußt - und allzu sehr, von vergangenen Erfahrungen belastet und beschränkt zu werden. Ein Lebensgefühl,  getragen aus Vertrauen zu sich und anderen, natürliche Präsenz, Mut, Lebensfreude und Beziehungsfähigkeit können dann wieder entstehen und im Alltag zum Ausdruck kommen.